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Mit Erlaubnis vom Autor Dr. med. Piet
Westdijk, Riehen, publizieren wir hier sein Referat anlässlich einer
Weiterbildungsveranstaltung am 28.11.95 im Gemeindespital Riehen.
(Wenn nur die männlichen Ausdrücke verwendet werden, möge dies nicht als
Abwertung des weiblichen Geschlechtes verstanden werden, sondern als ein
Bemühen, die Sprache nicht noch komplizierter zu machen.)
Der "Drogenpatient"
Eine Herausforderung im Spital und in der Allgemeinpraxis?
1. Einleitung
Dass ein Gemeinde- oder Regionalspital in
Vergleich zu grösseren Spitälern gewisse Vorteile aufweist, dürfte eine
bekannte, wenn auch nicht oft zugegebene Tatsache sein. Einerseits wird hier
nämlich fachlich hochstehende Medizin und Chirurgie ausgeübt, und andererseits
ist von den kleineren Dimensionen her ein sehr persönlicher Umgangsstil, sowohl
auf der ebene der Patientenbetreuung als auch auf der ebene der Kontakte mit den
zuweisenden Aerzten, möglich. Was die letzte Ebene betrifft, stossen medizinisch
eher unübliche Einweisungsindikationen auf ein offenes Ohr der ärztlichen
Leitung. Ich denke vor allem an Einweisungen von Menschen, die sich in einer
akuten - aber eher psychosozial bedingten - Krise befinden, wie Ehegatten
gleichzeitig aufgenommener medizinisch akuter Patienten, oder eben Menschen mit
Drogenproblemen.
Die Spitalaufnahme von nicht ganz im medizinischen Sinne kranker Menschen führt
immer wieder zu bestimmten Reaktionen des Personals, die auf fehlendes
Verständnis hinweisen. Dass dies nicht nur ein Phänomen im Spital ist, sondern
auch in der Allgemeinpraxis, weiss ich aus Gesprächen mit Hausärzten, die
Methadon abgeben. Häufig seien Arztgehilfinnen auch nicht begeistert. Sie wären
aus ihrem Konzept gebracht. Oft seien "Drögeler" Anlass zu Konflikten in der
Praxis. Weil das Muster dieses Phänomens immer dasselbe ist, sollten die
Situationen genau beschrieben und der Versuch gewagt werden, das Beschriebene
innerhalb eines gemeinsamen Kontextes zu verstehen, so dass Verhaltensänderungen
möglich werden.
2. Beschreibung des Phänomens
Schon bei der Einweisung eines "Drögelers" geht
es anders zu und her. Der zuweisende Arzt steht unter Druck. Er ist direkt oder
hautnah mit dem Elend des Betroffenen konfrontiert. Er sieht sich vor eine
"Entweder-Oder"-Entscheidung gestellt. Entweder überlässt er den Hilfesuchenden
seinem Schicksal, oder er greift ein. Er will - nochmals - eingreifen und
schlägt einen Aufenthalt in einem Spital vor. Er rät von der Psychiatrischen
Universitätsklinik ab, wo es ja schrecklich sei, und schlägt ein "normales"
Spital vor, wo man als normaler Mensch behandelt werde.
"Ach ja, er braucht eine Einweisungsindikation: eine Reduktion von Methadon, von
110 auf 100 mg? Ein Alkoholentzug? Oder eine stationäre Abklärung des
somatischen Zustandes? Eine Standortbestimmung bei HIV-Positivität? Eine
vorläufige Distanz von der Gasse, von bestimmten Leuten, von denen der Patient
sich terrorisiert fühlt?" Der einweisende Arzt wählt eine Lösung aus. Die
ärztliche Leitung lässt sich überzeugen. Es werden Eintrittsdatum und -zeit
abgesprochen.
Beim Eintritt gibt es bereits den ersten Aerger.
Der Patient kommt nicht zur Zeit. Kommt er überhaupt? Es folgt ein
Hin-und-Hertelephonieren. Doch, er kommt. Aber erst am Nachmittag.
Administration und Pflegepersonal seufzen. Der Assistenzarzt hat bereits die
alte Krankengeschichte. Es werde wohl nicht anders als das letzte mal sein,
meint er. Er bereitet sich auf viele Unannehmlichkeiten vor. Wenn der
Drogenpatient kommt, entschuldigt dieser sich nicht wegen seines Zuspätkommens,
sondern bittet sofort um Medikamente. Er sei auf Entzug. Er halte es nicht mehr
aus. Könne er Rohypnol bekommen? Er habe dies immer von Dr. X bekommen, der ihn
am besten kenne. Der Kontakt zum Pflegepersonal, das ihn sofort mit einem
Vertrag, an den er sich zu halten habe, konfrontiert, ist von Anfang an
schlecht. Sie wollen Puls und Blutdruck messen. Wo ist der Patient jetzt?
Er ist - wo auch sonst? - in der Eintrittshalle des Spitals, dem einzigen Ort,
wo es erlaubt ist zu rauchen und wo es auch Kaffee gibt. Dort sitzen sie
zusammen: der eine mit einem Infusionsständer bei sich, der andere mit einer
Krücke und nochmals ein anderer mit offensichtilich entzündeten einstichstellen
am Arm und sogar am Hals. Alle sehen, was Haar und Kleidung betrifft, relativ
verwahrlost aus und wirken gleichgültig und "verladen". Sie reden mit einer
etwas lauten, jammernden Stimme in der üblichen derben Gassensprache. Jetzt
seufzt das Pfortenpersonal. "Wenn sie bloss lernen würden aufzuräumen", denken
sie, indem sie Kaffeebecher, Zigarettenstummel und schmutzige Taschentücher
auflesen und wegräumen.
Sobald die ganz akute Problematik des
Drogenpatienten vorbei ist, pendelt sich ein bestimmtes Verhaltensmuster
zwischen ihm und dem Personal ein, das sich m. E. gut mit der Situation in der
Hausarztpraxis oder in einer Apotheke vergleichen lässt. Wiederkehrende
Phänomene sind die Unpünktlichkeit, fehlende Sauberkeit, das Erbetteln von
Ausnahmen, Ausspielen der einen Bezugsperson gegen die andere und eine Art von
Erpressung: "Wenn Sie mir dies und jenes nicht erlauben, könnte dies oder jenes
passieren". Nicht selten kommt es dabei zu Konflikten, die sich dermassen
steigern, dass ein plötzlicher Abbruch des Aufenthaltes oder der Behandlung
erfolgt.
3. Reaktionen des Spital- oder Praxispersonals
Niicht nur der Drogenpatient zeigt in dieser
Situation typische wiederkehrende Verhaltensweisen. auch diejenigen, die ihm
helfen, entwickeln typische Denk- und Verhaltensmuster. Eine erste typische
Reaktion ist die Irritation. "Was soll das? Diesen Leuten kann man eh nicht
helfen. Sie konsumieren nur. Nicht nur Drogen, sondern auch unsere Energie, die
wir in die Betreung investieren. Sie sind wirklich Parasiten der Gesellschaft.
Und sowieso sind sie selber schuld. Wenn sie wirklich machen würden, was wir
ihnen empfehlen, wäre es anders. Aber das machen sie nicht". Diese Reaktionen
sind auch in weiten Teilen der Bevölkerung anzutreffen. Warum nicht auch in
einem Spital oder in einer Praxis? Gibt es Gründe, dass wir uns besser verhalten
würden?
Eine weitere Reaktion ist die der Verlegenheit.
Man geniert sich. "Was müssen die Besucher wohl denken", überlegt man. "Einen
schlechteren Eindruck könnten wir als Spital nicht mehr machen. Warum müssen die
Drogenpatienten gerade dort sitzen, wo sie am auffälligsten sind? Warum nicht in
einem Raum irgendwo in der hintersten Ecke des Spitals?". Diese Verlegenheit ist
ein Ausdruck von Tabuisierung. "Es sollte nicht existieren, darum existiert es
nicht". Aehnlichen Mustern begegnen wir auch beim Thema Tod.
Drittens ist eine gewisse Verwirrtheit
festzustellen. Die Drogenpatienten passen nicht ins Krankheitskonzept eines
herkömlichen Spitals oder einer Allgemeinpraxis. Einerseits werden die
Betroffenen krank genannt. Andererseits wird an ihren Willen appelliert. Im
Falle von Krankheit wird der Wunsch erwartet, gesund zu werden. Dieser Wunsch
ist aber nicht vorhanden. Die Betroffenen wünschen lediglich Verständnis und
Hilfe für gewisse körperliche und auch soziale Probleme, aber im allgemeinen
keine Aenderung ihrer Konsumgewohnheiten. "O, wären sie doch normal krank!" Es
besteht das starke Bedürfnis, sich auch bei diesen Leuten am Spitalschema
festzuhalten. Das heisst, dass man sich nur für die Status-, Labor- und
Röntgenbefunde und die entsprechenden therapeutischen Schritte öffnen will und
eben nicht für den Menschen dahinter mit seinen abstrus wirkenden Wünschen.
Nicht nur im Denken bezüglich Krankheit, sondern auch im persönlichen Kontakt
gibt es eine Ambivalenz. Einerseits machen die Betroffenen die Helfer wütend,
weil sie sich nicht an deren Konzept halten. Andererseits verunmöglicht eine Art
unschuldiger Offenheit und Freundlichkeit es den Helfern oft, sich wirklich
wütend zu zeigen. Es wird in ihnnen etwas angerührt, das sie hellhörig und
gleichzeitig unsicher macht.
4. Versuch einer Deutung der Reaktionen
Patienten nur als zu heilende Personen zu sehen,
ist eine schreckliche Reduktion der wirklichkeit und führt zur weiteren Verödung
des gesellschaftlichen und geistigen Klimas. Martin Buber hat diese Tendenz
bereits 1923 in seiner Schrift "Ich und Du" unübertrefflich festgehalten: "Das
Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden". Wenn wir den
Patienten ernst nehmen wollen - und wer will dies nicht -, ihm also als Du oder
als Person begegnen wollen, können wir dies selber nur mit dem ganzen Wesen. Das
heisst, dass es unmöglich ist, sich nicht vom Gegenüber in Frage stellen zu
lassen. Es sei dann, man wolle den Patienten mit dem Grundwort Ich-Es anreden,
d.h. ihn als einen Fall zu sehen, den es lediglich zu lösen gilt oder dessen
Laborbefunde sich bessern sollten usw.. Hier ist es, sagt Buber, unmöglich,
selber als ganzes Wesen angesprochen zu werden.
Was Drogenpatienten gemeinsam haben: sie wollen ihr Umfeld ganz in Anspruch
nehmen, in buberschem Sinne "Du" ihrer Mitmenschen werden. sie haben die
materialistische Welt, die leider auch in Spitälern und Praxen vorherrscht,
satt. Sie suchen Ganzheit. Was sie unterscheidet von den Nicht-Drogenpatienten
ist, dass sie ihre Suche nicht mehr kaschieren, sondern offen an den Tag legen.
sie sind da und konsumieren, weil sie die Welt sonst nicht aushalten. Sie
sprechen Mitmenschen, die auch suchend sind, dies aber besser kaschieren oder
sogar verdrängen, darauf an, stellen uns in Frage, wo es nur möglich ist.
Unsere Reaktion ist Scham, Irritation und
Unsicherheit. Warum? Weil wir ebenso wenig Antworten auf die existentiellen
Fragen des Drogenpatienten haben wie sie, diese Blösse aber nicht zugeben
wollen. wir sind irritiert und unsicher, weil der Drogenpatient uns unsere
Autorität abspricht. wir sehen ihn als Kranken und fühlen uns dabei als Arzt,
Schwester oder Arztgehilfin kompetent. Er zeigt sich hingegen als Mensch, als
Mit-Mensch und zeigt dabei, dass wir in dieser Hinsicht inkompetent sind. Unsere
Gegenmassnahme darauf ist ein stetiges Versuchen, sein Verhalten in die
medizinische Sprache zu übersetzen, damit wir unsere KOmpetenz zurückgewinnen
oder anders gesagt, die Macht behalten. Er wehrt sich wiederum und versucht
unser Abwehrverhalten zu entlarven. Er macht dies, indem er zeigt, das wir ihn
nicht heilen können. Wir aber sind darauf trainiert, uns auch bei unheilbarem
Leiden verantwortlich zu fühlen. Wir sind zum Handeln gezwungen und tappen,
trotz oder eher dank medizinischer Kompetenz, in die Falle. An diesem Punkt
werden wir an die Einweisungssituation erinnert, in welcher der Arzt ohnmächtig
ist, unter Druck steht und versucht ist, diesen Druck an ein kleines Spital
weiterzugeben.
Dieser kurz skizzierte Schlagabtausch um Macht und Ohnmacht ist m. E. nicht nur
in Spitälern oder Allgemeinpraxen an der Tagesordnung, sondern in Sachen Drogen
auch ein politisches, wenn nicht gar weltweites Phänomen.
5. Fazit: Der Drogenpatient ist eine
Herausforderung
im Spital und in der Allgemeinpraxis.
Drogenkonsum ist ein komplexes Phänomen, das
nicht nur zur Krankheit reduziert werden darf. Dieses Phänomen könnte als
Aufforderung an den Arzt, die Schwester und die Arztgehilfin verstanden werden,
die eigene Suche nicht mehr zu verdrängen. Wenn dieses Phänomen nur eine
Krankheit wäre, könnten wir die Leute Suchtspezialisten, Suchtkliniken und
sogenannten Experten überlassen. Wir sehen aber, dass dies nicht funktioniert.
Sucht stellt den ganzen Menschen in Frage: biologisch, psychisch, sozial,
politisch, ökonomisch, juristisch, ethisch und religiös, um nur ein paar
Adjektive zu nennen. Verständlich ist vielleicht aus dieser Warte, dass
gesundheitliche Institutionen hier nicht alleine zuständig sind. Weiter ergibt
sich aus diesen Gedanken, dass das Suchtproblem an sich gar nicht lösbar ist.
Dies zu wissen, hilft uns, den "Experten für Problemlösung", vielleicht ein
bisschen...

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